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Training fürs Selbstbewusstsein

Alleinerziehende haben es bei der Jobsuche schwer – ein Projekt der Stadt hilft ihnen

Jana Mikulovic ist alleinerziehende Mutter; sechs, neun und elf Jahre alt sind ihre Kinder. Die Lebenssituation der jungen Frau war bis vor eineinhalb Jahren typisch für Alleinerziehende: Die 31-Jährige hatte zwar einen Hauptschulabschluss, aber keine Berufsausbildung. Sie wollte wieder arbeiten, aber sie wusste nicht, was. „Ich dachte, ich bin nichts und kann nichts.“ Bis man ihr im Jobcenter München einen Vorschlag machte: In der sogenannten „Kompetenzwerkstatt“ solle sie herausfinden, welcher Beruf zu ihr passen könnte. Jana Mikulovic machte mit und entschied sich für den Bereich Bürokommunikation. „Eine Woche nach der Umschulung hatte ich einen Job“, erzählt sie.

Ein neues Projekt der Stadt und des Jobcenters München hilft künftig 900 Alleinerziehenden pro Jahr dabei, ins Arbeitsleben zu finden. In München sind ein Fünftel der Haushalte mit Kindern alleinerziehend, ein Drittel von ihnen sind arbeitslos und Hartz-IV-Bezieher. „Die Hälfte aller Alleinerziehenden will laut einer Umfrage so schnell wie möglich wieder arbeiten“, sagt Bürgermeisterin Christine Strobl. „Man sieht, dass das Bedürfnis zu arbeiten groß ist.“ Nur 23 Prozent sind aber tatsächlich berufstätig, während sich der Rest mit dem Wiedereinstieg schwer tut.
  „Die Fälle der 7630 Alleinerziehenden, die Grundsicherung bekommen, sind sehr heterogen“, sagt Martina Musati, die Geschäftsführerin des Jobcenters München. 20 Prozent haben keinen Schulabschluss, zwei Drittel keine Berufsausbildung. Manchmal ist die Kinderbetreuung nicht gewährleistet oder es bestehen gesundheitliche Probleme. „Viele haben kein Selbstbewusstsein“, ergänzt Claudia Thoma vom gemeinnützigen Bildungsträger IBPro, der das Projekt umsetzt, „sie denken, sie können nichts Besonderes.“ 

Dieser Tatsache versucht man nun gerecht zu werden. Ein Coach betreut die Frauen – denn in 95 Prozent der Fälle sind Alleinerziehende weiblich – und erforscht mit ihnen, welche Berufstätigkeit für sie geeignet wäre. Er kümmert sich um Kinderbetreuungsmaßnahmen und andere Unterstützung, etwa im medizinischen Bereich. Dann folgen Qualifizierungsmaßnahmen wie Lehrgänge und Umschulungen und schließlich die Vermittlung in einen sozialversicherungspflichtigen Job. „Dass 900 Alleinerziehende pro Jahr unterstützt werden können“, sagt Martina Musati, „das ist nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein, das ist deutlich mehr.“

550 000 Euro stellt das Referat für Arbeit und Wirtschaft pro Jahr für die Hilfsmaßnahme zur Verfügung. „Die Stärke des Projekts liegt darin, dass es sehr persönlich und nicht sanktionsbewehrt ist“, erklärt Fachbereichsleiterin Anneliese Durst. „Das ist der Garant, dass es funktioniert.“ 142 Frauen, die von den Sozialbürgerhäusern vorgeschlagen wurden, sind im Januar eingestiegen. Einige von ihnen haben schon einen Job gefunden, andere werden länger betreut. Auch die Dauer des Coachings hängt von den individuellen Bedürfnissen der Alleinerziehenden ab.

Bürgermeisterin Strobl, die selbst alleinerziehend ist, liegt das Projekt besonders am Herzen. „Wir können es uns schon rein ökonomisch nicht leisten, auf das Potential dieser Frauen zu verzichten.“ Ganz zu schweigen von drohender Altersarmut, wenn Menschen jahrzehntelang nicht in die Sozialversicherung eingezahlt haben. Auch Jana Mikulovic schwärmt vom Erfolg. „Jede Alleinerziehende schafft es, wenn sie es will“, sagt sie. Dann lacht sie und sagt: „Ganz ehrlich: Man braucht dazu keinen Mann.“ 

Von Christina Warta, erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 7. März 2013